Ein Lächeln und viel Mut: Die Geschichte von Sivagowri zeigt, wie die professionelle Umgebung Frauen bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt. In den SAH Ateliers für Frauen sammelt sie neue Erfahrungen, stärkt ihr Selbstvertrauen und wagt ihren nächsten Schritt.

 

Wer derzeit die neuen Räumlichkeiten der SAH Ateliers für Frauen besucht und den Verkaufsladen im ersten Stock betritt, hat gute Chancen, mit einem strahlenden Lächeln von Sivagowri begrüsst zu werden. Seit November 2024 profitiert Siva, wie sie hier von allen genannt wird, von der arbeitsrechtlichen Massnahme der Arbeitslosenversicherung. Sie kennt sich hier gut aus und fühlt sich sichtlich wohl.

Ein steiniger Weg
In fliessendem Deutsch erzählt Siva von ihrer Vergangenheit. Als Zehnjährige floh sie vor dem Krieg in Sri Lanka nach Indien, wo sie während vier Jahren Software Engineering studierte. Als sie 2005 in die Schweiz kam, wollte sie gerne in diesem Beruf arbeiten, doch durchkreuzte die Sprachbarriere ihre Pläne. Das Geld für einen Sprachkurs fehlte ihr, aus der IT-Karriere wurde nichts und sie widmete sich fortan der Erziehung ihrer Söhne, während ihr Mann durch Niedriglohnjobs das Geld verdiente. Bald ging auch die zweifache Mutter wieder arbeiten. Als Produktionsmitarbeiterin verrichtete sie jahrelang in unterschiedlichen Betrieben «immer die gleichen Arbeiten». Schwere Entzündungen im Ellbogen- und Handgelenk setzten dem aber ein jähes Ende und Siva verlor ihren Job. Es folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, das ihr sehr zu schaffen machte. Das regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) meldete sie zu Deutschkursen an und verwies sie schliesslich an die SAH Ateliers für Frauen, wo sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt wieder erhöhen sollte. Die 46-Jährige willigte ein.

Neustart in den SAH Ateliers für Frauen
Anfangs hatte Siva Angst, dass ihre Beschwerden sie am neuen Ort erheblich einschränken würden und sie z.B. den ganzen Tag stehen müsste. Sie befürchtete dort wieder eintönige Arbeiten, ergänzt von endlosem Bewerbungsschreiben. Die Bedenken verflogen jedoch schnell, als sie in den belebten und lichtdurchfluteten Ateliers an der Taubenhausstrasse 38 herzlich empfangen wurde. Statt Monotonie erwarteten die Teilnehmerin abwechslungsreiche Tätigkeiten, von denen es ihr vor allem zwei angetan haben: Die sorgfältige Herstellung von Dekoartikeln in der Papierwerkstatt sowie der Verkauf im Atelierladen – inklusive Bedienung des Kassensystems und Beratungsgesprächen. Das klingt anspruchsvoll, aber in dieser einzigartigen Arbeitsatmosphäre herrscht absichtlich kein zermürbender Leistungsdruck. Hier wird den Frauen Raum gegeben, um Dinge auszuprobieren. Stimmt die Qualität, kommen die hergestellten Produkte in den Verkauf. Das Selbstvertrauen wächst stetig und die Lernkurve steigt. «Es muss nicht immer alles perfekt sein, hier kann ich lernen», betont Siva. Die stressfreie Stimmung äussert sich für sie auch im ehrlichen und humorvollen Umgang der Frauen untereinander.

Der Umgang mit den vorhandenen Tablets fällt ihr dank ihrer Vergangenheit in der IT-Welt leicht. Diese elektronischen Geräte nutzen die Teilnehmerinnen, um Arbeitsanleitungen und Wochenpläne abzurufen, aber auch um im Web Inspiration für neue Kreationen zu holen. Als Austauschinstrumente haben sie ihren festen Bestandteil im Atelieralltag und stellen für die Frauen eine wesentliche Kompetenzerweiterung dar. Doch der mündliche Austausch auf Deutsch bleibt weiterhin zentral. So, beteuert Siva, lerne sie die Sprache am besten – besser sogar als in den Sprachkursen. Verstehe sie etwas nicht, könne sie ungeniert nachfragen.

Fit für die Zukunft
Neben der Arbeit findet auch die Vorbereitung neuer Bewerbungen ihren Platz. Im eigens dafür eingerichteten Bewerbungsraum erhält Siva professionelle Unterstützung bei der Stellensuche. Die gemeinsam überarbeiteten Bewerbungsunterlagen haben ein konkretes Ziel: Siva strebt den Quereinstieg in den Verkaufsbereich an. Das erfordert einiges an Mut, denn viele Inserate setzen eine Ausbildung voraus. Die hat sie zwar nicht, doch die hier gesammelten Erfahrungen erhöhen ihre Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt deutlich. Bis sich die Hartnäckigkeit beim Bewerben auszahlt, nutzt Siva die Zeit in den Ateliers, um ihre Genesung voranzutreiben und ihr praktisches Wissen auszubauen – wohl bald auch am Stand der Ateliers auf dem Luzerner Wochenmarkt.

Auf die Frage, warum die SAH Ateliers für Frauen auch für andere wichtig sind, liefert Sivachandran sofort gute Gründe: Die Ateliers seien ein aussergewöhnlicher Raum, explizit nur für Frauen, in dem entspannt und offen miteinander umgegangen werden könne. Ausserdem, das weiss sie aus eigener Erfahrung, sei Beschäftigung während der Arbeitslosigkeit enorm wichtig. Der unscheinbare Satz «Ich will hierher kommen.» fällt im Gespräch mehrmals. Das spricht für die Attraktivität des Arbeitsintegrationsprogramms. Nach dem bereichernden Austausch verabschiedet sich Siva mit einem zufriedenen Lächeln und macht sich auf den Heimweg nach Emmenbrücke.