Wie findet man in einem neuen Kulturkreis den Weg in die Arbeitswelt? Für Thi Thi Zin war unser Angebot DAF Praxisassessment, das in einem Leistungsauftrag für die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF) durchgeführt wird, eine wichtige Etappe dabei und ist ein Beispiel dafür, wie gezielte Förderung Talente sichtbar macht, die der Arbeitsmarkt dringend braucht. Heute steht Frau Zin kurz vor dem Start ihrer Lehre als Elektronikerin.

«Wenn man einen Wunsch hat, dann muss man Schritt für Schritt und mit einem Plan versuchen, ihn zu erreichen.» Für Frau Zin ist dieser Satz mehr als nur ein guter Ratschlag für Stellensuchende. Sie beschreibt damit ihren eigenen Weg. Die 28-Jährige stammt aus Myanmar, lebt seit drei Jahren in der Schweiz und beginnt im August eine Lehre als Elektronikerin. Dass sie dieses Ziel trotz ihres vermeintlich schüchternen Auftretens erreicht hat, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Willensstärke und gezielter Unterstützung.

Schon früh wusste Frau Zin nämlich, dass sie einen technischen Beruf erlernen möchte. An der Elektronik fasziniert sie die Verbindung von genauem Arbeiten und technischem Verständnis. Ihr war anfangs jedoch vieles unklar: Wie funktioniert die Schweizer Arbeitswelt? Welche Ausbildung ist möglich? Und wie lässt sich ein Berufswunsch realistisch angehen?

Sie fing an, die Sprachbarriere durch Deutschkurse abzubauen. Über die fallführende Stelle in der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF) wurde Frau Zin zudem ins DAF Praxisassessment vermittelt. In diesem Angebot beschäftigen sich die Teilnehmenden in einer Bildungswoche mit der Schweizer Arbeitswelt und erhalten anhand Praxiseinsätzen eine ehrliche Standortbestimmung zu ihren praktischen Kompetenzen.

Drei intensive und abwechslungsreiche Wochen

Die Kursleiterin Michèle Weidmann beschreibt die erste Woche als «Crashkurs» zur Schweizer Arbeitswelt. Die Teilnehmenden setzen sich spielerisch mit Themen rund ums Arbeitsrecht, wie Probezeit und Kündigungsfristen, aber auch mit Versicherungen, Lohn und Arbeitssicherheit auseinander. Sie lernen, welche Rechte und Pflichten sie im Berufsalltag haben und worauf es im Umgang mit Vorgesetzten und Teams ankommt. Für Frau Zin wurde hier verständlich, was bei der Arbeit in der Schweiz erwartet wird.

«Es ist nicht nur ein Traum. Es ist möglich.»

Thi Thi Zin

Im Anschluss folgt eine Praxiswoche in unseren internen Näh- oder Holzwerkstätten. Die Kursleiterin betont, dass in diesem geschützten Rahmen das sichtbar wird, was im reinen Unterricht oft verborgen bleibt. Wie genau arbeitet jemand? Wie rasch lernt eine Person neue Abläufe? Kann sie Anleitungen umsetzen? Und wo liegen ihre Stärken? Weidmann verdeutlicht, dass dieser Teil enorm wichtig ist, weil Fähigkeiten hier auch bei geringen Sprachkenntnissen nonverbal sichtbar werden. Frau Zin selbst sagt: «Ich habe meine Stärken und Schwächen klar kennengelernt.» Auch ihr Berufsziel habe sich dadurch gefestigt. Sie erkannte, dass sie nicht nur theoretisch lernen, sondern auch praktisch mit den Händen arbeiten möchte. Wesentlich habe dazu auch die offene, freundliche und hilfsbereite Atmosphäre im Kurs beigetragen.

In der dritten Woche absolvieren alle einen externen Praxiseinsatz im allgemeinen Arbeitsmarkt. Frau Zin arbeitete im Housekeeping eines Hotels. Dieser Einsatz brachte ihr zweierlei: Einerseits konnte sie erstmals konkrete Arbeitserfahrung in der Schweiz sammeln. Andererseits merkte sie trotz positiver Rückmeldung der Hotelleiterin, dass dieses Berufsfeld nicht zu ihr passt. Gerade diese Klarheit half ihr, ihren Berufswunsch weiter zu schärfen.

Zum Abschluss findet ein Auswertungsgespräch mit persönlicher Einschätzung statt. Daraus geht ein Bericht hervor, der festhält, welche Fähigkeiten beobachtet wurden, welche Ziele realistisch erscheinen und welche nächsten Schritte empfohlen werden. Thi Thi Zins Traumberuf wurde als realistisches Ziel eingestuft. Das gab ihr das notwendige Selbstvertrauen bei späteren Bewerbungen. Zudem konnte sie belegen, dass sie sich bereits mit der Schweizer Arbeitswelt auskennt und erste Praxiserfahrungen gesammelt hat.

Begleitung bis zur Lehrstelle

Nach dem Praxisassessment ging ihr Weg beim SAH Zentralschweiz weiter. Entlang ihres persönlichen Integrationsplans besuchte sie einen Bewerbungskurs, um ihr Bewerbungsdossier zu erstellen und den Bewerbungsprozess besser zu verstehen. Im anschliessenden Jobcoaching wurde sie individuell begleitet: bei der Stellensuche, bei Bewerbungen und bei der Vorbereitung auf Gespräche. Frau Zin schrieb über 50 Bewerbungen – ausschliesslich für Lehrstellen als Elektronikerin. Trotz vieler Absagen blieb sie hartnäckig. Nach rund vier Monaten zahlte sich der Fleiss aus: Sie erhielt die ersehnte Chance in einem kleinen, familiären Luzerner Betrieb.

Heute steht die angehende Elektronikerin kurz vor dem Start ihrer Lehre. Dass sie so weit gekommen ist, verdankt sie ihrer Ausdauer, der koordinierten, fachlichen Begleitung im Erstintegrationsprozess durch die DAF sowie der Unterstützung durch das SAH Zentralschweiz. Das Praxisassessment verhalf ihr zu einer wertvollen Erkenntnis, die ihren weiteren Weg massgeblich geprägt hat: «Es ist nicht nur ein Traum. Es ist möglich.»

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